Dienstag, 1. August 2017

Sansar - Ein drittes Leben?


Second Life User starren schon lange mit banger Erwartung in Richtung Sansar: wird das unsere schöne virtuelle Welt ablösen? Ist alles, was wir in Jahren aufgebaut haben nun obsolet?
Hier kann ich beruhigen: keineswegs. Trotzdem ist Sansar eine virtuelle Welt der neuen Generation. Noch in den Kinderschuhen, wie einst Second Life, aber schon durchaus sehenswert - wenn es denn mal läuft.

Ich schicke voraus, dass ich die BETA besucht habe, denn Sansar ist noch nicht offiziell gelauncht. Insofern können sich Details noch ändern und meine Betrachtungen obsolet machen.

Anforderungen

Schon die Anforderungen sind bemerkenswert hoch: i5 CPU, Nvidia GTX970 und 8 Gigabyte Ram sind Minimum. Das sind stolze Requirements, die so manches High End PC Game nicht stellt.
Die Installation geht schnell, aber das war auch bei Second Life schon immer so. Schließlich wird nur ein Client installiert, jede einzelne Welt muss dann nachgeladen werden. Und das kann dauern.

Sehr lange dauern.

Sehr sehr lange.

Doch ich greife vor. Fangen wir beim wichtigsten Teil des Einstiegs an: bei der Charaktererstellung. Nun, die ist - sagen wir mal - übersichtlich. Selbst der jämmerliche Charaktereditor von TSW bietet hier mehr Optionen. Ein genormter weiblicher oder männlicher Body (Grösse, Körperformen, sonstige Details lassen sich nicht einstellen), ein unglaublich hässliches Gesicht, an dem man in geringem Masse Veränderungen vornehmen kann (hübsch wird es jedoch nie) und ein paar Klamottensets zur Auswahl, die aber nur als komplette "Uniform" verfügbar sind (keine Kombis verschiedener Kleidungsstücke möglich). Immerhin: der Avatar darf einen Vor- und Nachnamen tragen, wie schon in Second Life.
Dafür geht es schnell und unkompliziert. Ein rascher Einstieg mit minimaler Lernkurve.

Danach präsentiert sich - nebst angenehm unaufdringlicher New Age Musik - ein Auswahlbildschirm, der nun eine bereits stattliche Anzahl an "Experiences", sprich: Welten zur Verfügung stellt. Da ich mich von einem lauschigen Wald angesprochen fühlte, klickte ich da drauf. Was ein Fehler war, denn diese Welt brauchte erst eine knappe Stunde zum Laden und stürzte dann ab. Neustart.

Danach fiel mir beim Durchscrollen "Dorenas Welt" ins Auge. Dorena Verne... die kenne ich doch aus Second Life. Inzwischen längst Verwalterin eines eigenen Grids (Dorenas World) hat sie nun hier auch an der Beta mitgewirkt. Also klickte ich da mal drauf. Auch hier wieder epische Ladezeiten, aber diesmal funktionierte es. Ein bescheidenes kleines Inselchen, grafisch natürlich Lichtjahre von den ersten kaum erträglichen Second Life Inseln entfernt, aber halt noch leer, eine deutlich erkennbare Baustelle. Das war nicht weiter schlimm, zeigt es doch, dass man auch als Quereinsteiger in Sansar kleine Welten hinbekommt. Da es dort aber auf die Dauer nichts zu sehen gab, suchte ich weiter und landete auf der Golden Gate Bridge im Nebel. Einem Jahrhundertnebel, wie ihn wohl auch die Bay von San Francisco nur selten zu sehen bekommt. Und mehr war da auch nicht. Eine dichte Soundatmosphäre samt Meeresrauschen, Möwengekreisch und einem tutenden Schiffshorn - sowie eine ewig lange Brücke, auf der man sich die virtuellen Hacken wund laufen kann.


Menü und Steuerung

Hier zeigt sich Stärke und Schwäche von Sansar gleichzeitig. Gut ist, dass Einsteiger nicht mit Funktionen überfrachtet werden. Schlecht ist, dass es eben auch keine Funktionen gibt. Die Laufanimation ist diesmal in Ordnung - ein gemächlicher aber anatomisch korrekter Gang, kein Chickenwalk wie weiland in SL, aber das war's auch schon. Kein Rennen, springen, gar fliegen oder sonstwas ist möglich. Man kann sowohl Pfeiltasten als auch WASD Steuerung plus Maus verwenden, das ist positiv. Denn gechattet wird, indem man den Chatbutton klickt. Nur, dass niemals jemand antwortet. In Sansar scheinen nur Autisten unterwegs zu sein.
Wer es eilig hat, kann allerdings eine Art Kurzteleport verwenden. Bei gedrückter STRG Taste kann ein Ziel in Sichtweite angewählt werden, wohin dann der Avatar versetzt wird.

Die Drehbewegung jedoch ist fürchterlich: bei jeder versuchten Drehbewegung (also Richtungsänderung) mit Maus oder Tastatur ruckt das Bild um circa 30 Grad nach rechts oder links und pendelt dann ein.... mit der Zeit wird einem da schwindelig. Es erinnert daher auch mehr an eine 360° Steuerung eines Browser VR Bildes, als ein aktives Game. Hier sollte dringend nachgebessert werden.

Welten

Die Grafik der verschiedenen Welten ist up to date. Gut - es ist kein Black Desert, von der Laufgeschwindigkeit und den elend langen Ladescreens mal abgesehen, fehlt hier einfach die dichte Atmo. Aber die Modelqualität kann sich sehen lassen und entspricht dem heute üblichen Durchschnitt von Cry Engine oder Unreal4 Games. Die Welten von Sansar Studio selbst sind reine Demos, Walkthroughs in denen mehr oder minder die Engine präsentiert wird.

Avatare sind selten - der Andrang war wohl nur vor einigen Tagen bei der Eröffnung und ist schon wieder vorbei. Mal steht einer irgendwo rum und tut scheinbar nichts. Wahrscheinlich sucht er/sie die Funktionen, die bei Firestorm & Co selbstverständlich sind. Und antworten tun sie schon gar nicht. Man ist schließlich beschäftigt. Es gibt auch keine Namen über den Köpfen, man weiss also nicht, mit wem man es zu tun hat. Das ist einerseits angenehm, da das ständige Geblinke und Geflirre in SL schon nervig sein kann, andererseits macht es die Welten auch sehr unpersönlich und einsam.

Colossus ist eine Art futuristisch-steampunkiges Bergwerk mit ominösen Rädern und Skeletten. Mehr als Staub, Sand und Felsen ist nicht zu sehen. Der Horizont ist nicht - wie bei Second Life - von einem ewigen virtuellen Ozean markiert, sondern wird als verschwommene Nebel in Distanz generiert. Das ist eigentlich nicht schlecht, denn der Inselcharakter wird dadurch deutlich gemildert oder ganz vermieden. Andererseits hätte ich gern schonmal einen lauschigen Südseestrand mit wogendem Meer gesehen... Aber die Engine sollte vernünftige Wasserdarstellung bieten, da mache ich mir keine Sorgen.

114 Harvest - ein beschauliches nettes amerikanisches Städtchen von Draxtor bot dann den längsten Ladescreen...den ich dann nach 2 Stunden abbrechen musste.


Create

Was allerdings bestechend ist: jeder kann in Sansar seine eigene Welt aus einer simplen Sandbox zusammenstellen. Dazu klickt man im Atlas einfach auf "Create", vergibt einen Namen und kann aus verschiedenen Templates wählen. Hier kann man nun hochladen, was die Festplatte hergibt. Es müssen allerdings vernünftige 3D-Modelle sein, sowie Sounds und Texturen. Alles erfolgt offline, das SL typische "Bauen" entfällt. Anschliessend kann man seine kleine Miniwelt im Atlas veröffentlichen - das geht unglaublich einfach, mit äusserst geringen Barrieren. Wenn allerdings professionelle Welten daraus entstehen sollen, sind Designerskills erforderlich.

Mir ist es gelungen, in etwa 30 Minuten meine erste winzige Hawks Effect Szene zu "bauen". Dazu musste ich nur ein Template wählen, klickte ein wenig in den Optionen herum, brauchte nochmal 2 Minuten, um ein Vorschaubild zu erstellen und hochzuladen und schon - save & build - war meine Dachterasse im Atlas verfügbar. Zugegeben, es ist nicht viel drin, aber es lädt schnell!


Resümee

Sansar ist - wie damals auch Second Life - noch in den Anfängen. Bisher hat man, wie in Blue Mars, nur recht ansehnliche Schaustücke, die zum Betrachten einladen, zu mehr aber auch nicht. Es ist also eine große VR Ausstellung, in der aber wenig Aktives geboten wird.
Die Stärke virtueller Welten liegt meiner Meinung nach ohnehin nicht im interaktiven Gamingbereich - hier bietet jedes handlübliche Computerspiel weitaus mehr, zu besseren Bedingungen. Sie liegt in den Möglichkeiten der Präsentation, seien es Bücher, Bilder, kulturelle Veranstaltungen oder ein geselliges Beisammensein in Clubs oder privaten Venues. Das wird Sansar über kurz oder lang sicher genauso bieten können, wie Second Life. Und das wahrscheinlich mit deutlich geringeren Einstiegshürden. Sofern sie die Ladescreens in den Griff bekommen, denn wer lädt schon im Voraus eine kleine Welt mit einem Club ganze 3 Stunden lang, um dort eine Stunde ein Event zu erleben.

Über die reinen VR Funktionen kann ich nichts sagen, da ich über kein VR Equipment verfüge.
Die beste Devise in Punkto Sansar, die ich derzeit geben kann, lautet: abwarten.

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