Sonntag, 7. August 2011

Der Canon in D oder die "Pachelbel Sequenz"

Der Canon in D
Das erste Mal hörte ich den berühmten Canon in D als elektronisch verzerrte und zur Unkenntlichkeit modifizierte Version von Brian Eno in seinem Album "Descreet Music", und staunte auch dort schon über die Reinheit und mathematische Logik dieser Sequenz. Da Eno sein Werk "Variations about Pachelbel" nannte, wusste ich nun, wo ich den Urheber zu suchen hatte. Das Original verblüffte mich auf zweierlei Weise; zum einen, weil es wirklich eine Schönheit offenbart, die alle Rezeptoren berührt, sowohl die rein emotionale Wahrnehmung aber zugleich auch das Abstraktionsvermögen, da sich hier sofort die mathematische Klarheit offenbart - zum anderen kam mir die Akkordfolge bzw. Sequenz ungeheuer bekannt vor. Wo hatte ich das denn schonmal gehört?

Eine zunächst flüchtige Recherche förderte Erstaunliches hervor: nahezu 50 bekannte "Hits" aus den verschiedensten Stilrichtungen verwenden exakt diese magische Akkordfolge: D - A - hmoll - fismoll - G - D - G - A.

Was ist daran so erstaunlich? Dazu muss man sich ein klein wenig mit Harmonielehre beschäftigen. Fast 90% aller Stücke, Lieder, Popsongs, Schlager etc. basieren auf einer einfachen Kadenz, bestehend aus Tonika, Subdominante, Dominante, Tonika. Auf das einfache Beispiel C-Dur bezogen, bedeutet das: C - F - G - C. Also Grundton (Tonika), Quart (Subdominante, in diesem Fall "F") und Quinte (G-Dur, oftmals noch mit einer Septe versehen, also G7 (bei G ist das der Ton F, der aufgrund der inneren Spannung der Durtonleiter wieder zum E zurückstrebt, also folglich in der nun fälligen Tonika "C-Dur" wieder in der Terz "E" aufgelöst wird). Sequenzen kennen wir ansonsten eher aus dem Jazz (Modulationen) oder aus der Folklore (Flamenco Kadenz).

Der Canon in D bezieht sich zwar auf die Tonart "D-Dur" verwendet aber keine klassische Kadenz. Zwar folgt auf die Tonika D zunächst die Dominante A, doch schon im nächsten Akkord wechselt er mit H-Moll in die 6. Stufe von D-Dur, um dann mit F# Moll auf die dritte Stufe zu gehen, die zweite Sequenz G-D-G-A ist zwar reines D-Dur, endet aber auf der Dominante anstatt der Tonika. Folgerichtig wäre D-G-A-D.

Noch verblüffender: die extreme Repetition dieser Sequenz. Denn sie wird insgesamt 28 mal wiederholt, auf ingesamt 57 Takten. Die Basslinie bleibt konsequent "ostinat" also in permanenter Wiederholung, ohne jemals langweilig zu werden. Kaum ein Stück der Musikgeschichte kann dies von sich behaupten.

Was ist also das Geheimnis dieser Sequenz? Warum wird fast jeder Song, der auf dieser Akkordfolge basiert, zu einem Hit? Ich gebe hier mal einen kleinen Überblick über die ungeheure Popularität dieses Canons:

A) Bekannte Hits, basierend auf der Akkordfolge des Canons in D:

Streets of London (Ralph McTell)
When a man loves a woman (Percy Sledge)
Go West (Village People)
Piano Man (Billy Joel)
Die russische Nationalhymne (ok kein Popsong aber populär)
In my Live (Beatles)
Can't stop loving you (Phil Collins)
Everytime (Britney Spears - Ob sie weiss, wo sie die Akkorde geklaut hat?)
Pictures of Lilly (The Who)
Don't Sleep in the Subway (Petula Clark)

Die Liste ist viel länger. Sogar illustre Rocker wie Ozzy Osborne oder Gamefirmen (DMA Design: Lemmings) haben sich bedient.

B) Variationen bzw. Bearbeitungen und Varianten des Canons in D:

Jerry C: Canon in D (Sehr beeindruckende Umsetzung als Rocksong mit atemberaubenden Gitarrenriffs. 91 Millionen Zugriffe auf Youtube)

Matrix Offline (Mein eigenes Video über die Schliessung eines MMORPG, die Musik stammt von Rael Wissdorfs Bearbeitung des Canons mit der Musiksoftware "Reason")

Canon in D Silver Mix (The Cynic Project)

Pachelbel 8000 (Mars)

Descreet Music: 3 Variations on Pachelbel (Brian Eno)

Johann Pachelbel
Das sind nur wenige Beispiele, nahezu vollständige Listen sind dann am Ende dieses Blogs zu finden. Für musikalisch nicht so versierte Hörer, hier ein Tip zur Überprüfung dieser Behauptung: singt im Geiste jeweils eine der Hauptmelodien des Canons drüber und es wird immer passen.

Warum verwenden so viele erfolgreiche Songschreiber und Komponisten genau diese Sequenz (zumeist ohne sie deutlich zu referenzieren, also quasi "klammheimlich" schlicht: geklaut)? Studiert man die Sequenz genauer, stellt man fest, dass solcherart Terzfolgen im Barock durchaus üblich waren. Die Kompositionstechnik nennt sich "Parallelismus" oder sogar "Pachelbelsequenz" und wurde von Carl Dahlhaus in seiner Habilitationsschrift (Untersuchungen über die Entstehung der harmonischen Tonalität, Kassel 1962) genauer untersucht und beschrieben.
Auch Bach hat sich dieser Kompositiontechnik bedient, und einige seiner weniger berühmten Zeitgenossen. Tatsache ist aber: der Canon in D ist ein "One Hit Wonder". Pachelbel ist es nie wieder gelungen an diesen Erfolg anzuknüpfen; zu Lebzeiten war er ohnehin nicht allzu bekannt, da die Verbreitung von Musikstücken ohne Internet sehr viel langsamer vonstatten ging. Würde Pachelbel heute erleben dürfen, welche umfassende Verbreitung sein Musikstück erfahren hat, er würde sich wahrscheinlich ratlos am Glatzkopf kratzen.

Was macht den Canon so berühmt? In der geheimnisvollen Akkordfolge scheint eine Kraft zu stecken, der sich kaum ein musikalisch hörendes Wesen entziehen kann. Es ist nicht allein die Perfektion der Harmonie, denn diese findet sich in jeder noch so unbedeutenden Schlagerkadenz. Die Magie offenbart sich besonders in den Akkorden Hmoll und F#Moll, denn hier findet sozusagen der harmonische "Leckerbissen" statt, der jedem Zuhörer das Herz zu öffnen scheint. Zu spekulieren, wie Pachelbel auf diese Sequenz gekommen ist, bleibt müssig. Beim schlichten Herumprobieren zufällig drüber gestolpert bis hin zu quälender stundenlanger Komponierarbeit oder als urplötzliche "göttliche" Eingebung ist hier alles denkbar. Tatsache ist: diese Folge von Akkorden hat Geschichte geschrieben, ist Teil unserer Kultur. Und wäre nicht Pachelbel als erster drauf gekommen, spätestens Bach hätte sie entdeckt.

Vielleicht ist das ja die beste Umschreibung, die man finden kann, um das Wunder zu erklären: es wurde "entdeckt". So wie ein Kind irgendwann anfängt, zu sprechen, zwei Menschen sich in Liebe erkennen oder Galileo grüblerisch die Schiffsmasten am Horizont verschwinden sah und so wusste: die Erde ist rund. So musste auch irgendwann diese musikalische "Botschaft" an die Menschen gelangen.

Wir können nichts weiter tun, als uns dafür zu bedanken. Immer und immer wieder.

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Anhang: Links

Der Parallelismus (Pachelbelsequenz)
Matrix Offline (Pachelbelvariation von Wissdorf)
JerryC: Canon in D als Hardrock Version
Brian Eno: Canon in D-Major auf Youtube
Pachelbel Rant des US Comedian Rob Paravonian
(Sehr witzige Form der Ehrbezeigung - Das Leid eines Cellisten)


Kommentare:

  1. Hallo Laurina,

    ein schönes Essay. Allerdings würde ich es gut finden, wenn du hier und da auf deine Quellen verweisen würdest, aber das ist nur eine Kleinigkeit am Rande.

    Zur Sache. Ich bin kein Musikwissenschaftler, höchstens engagierter Amateur, aber ich frage mich, ob da nicht zuviel Genius in den Kanon hineininterpretiert wird. Wenn ich den den zeitgeschichtlich einordne, fällt mir auf, dass er relativ kurz nach Einführung der Werckmeister-Stimmungen (u.a. "wohltemperierte Stimmung") entstanden ist, die ja überhaupt erst Kadenzen dieser Art im Quintenzirkel ermöglicht haben. Wenn man sich dann Harmonisierungen des Kanons anschaut, fällt auf, dass man eine komplette Tonleiter in einer Hauptstimme erkennen kann. Der Kanon wirkt so gesehen ziemlich konstruiert. Hat Pachelbel vielleicht nur auf Bass seines Könnens mit den noch relativ frischen Erweiterungen der Kompositionstechnik herumgespielt und ist so zu diesem aus heutiger Sicht so populären Akkordfolgen gekommen? Zumal H-Moll und Fis-moll die Mollparallelen zu D-Dur und A-Dur sind, er sich also in einem sehr engen harmonischen Rahmen bewegt. Das könnte ein weiterer Hinweis auf einen eher mathematisch-spielerischen Hintergrund sein. Dieser Gedanke soll die Komposition nicht entwerten, auf keinen Fall. Aber Musik, zumindest die für westliche Ohren, folgt doch recht strengen mathematischen Rezepten, was letztendlich überhaupt erst zur Popmusik führen konnte. Ich will damit sagen, dass Pachelbel sicher ein großer Komponist war (allein schon wegen seiner Orgel-Suiten), aber einen Pop-Visionär, wie er in einigen Musiker-Boards bezeichnet wird, würde ich ihn dann doch nicht nennen. Sein D-Kanon könnte ja einfach eine Spielerei gewesen sein, die nach heutigen Gesichtspunkten so zeitlos modern klingt. Immerhin hat er meines Wissens kein weiteres Stück komponiert, das auch nur annähernd in diese Richtung gehen würde. Aber was soll's, "spielerische" Musik ist doch etwas besonders Feines, oder? ;-)

    Viele Grüße
    Jürgen "Rush" Schüler

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  2. Ähm..vergiss meinen Kommentar über die fehlenden Quellenangaben. In meiner Mobilansicht habe ich die Links unten drunter schlicht übersehen. Sorry!

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  3. Da kennt sich aber einer aus :-) - In der Tat war das kurz nach Werckmeisters Temperatur, aber im Gegensatz zu Bachs ersten Präludien wird ja bei Pachelbels Kanon nicht moduliert...das hat er dann später in seinen (hervorragenden) Fugen. Das Stück bleibt harmonisch ja eher schlicht und bietet keine wirkliche Besonderheit, ausser den Molldurchgängen, da geb ich dir Recht. Was mich bei diesem Stück halt einfach bannig wundert, ist die Tatsache, dass diese Sequenz wohl irgendwann in den 60er Jahren von Popsong Komponisten entdeckt und extrem erfolgreich eingesetzt wurde. Das ist mit anderen, sehr populären Stücken dieser Zeit, wie dem Air, dem Ave Maria, dem Adagio von Albinoni nicht der Fall. Da steckt irgendein Geheimnis drin, aber aufgrund harmonischer Analyse werden wir das wohl nicht entdecken.

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  4. Ich bemühe mich! :-) (Ich hoffe, deine Bemerkung war nicht ironisch gemeint...) Aber für mich fühlt es sich so an, als ob Pachelbel wirklich mehr oder weniger herumgespielt hätte, auf dem hohen Niveau eines erfahrenen Organisten. Der Rahmen, in dem er sich bewegt, ist sehr eng, was das Stück eben so einfach in der Struktur macht. Ich mag eine Ausnahme sein, aber ich kenne das Stück fast nur aus dem frühen Musikunterricht, was für mich darauf hindeutet, dass es für viele eher akademischen Reiz hat, als musikalischen. Ich finde nicht die richtigen Worte...vielleicht passen diese: ich halte die Einfachheit und gerade die fehlende Modulation für einen wesentlichen Grund, dass das Stück so ähnlich klingt, wie viele moderne Pop-Stücke. Aus heutiger Sicht liegt das alles so nahe, aber für damals galt das ja nicht unbedingt. Und nochmal: er hat kein zweites Stück dieser Art komponiert, was ich schon sehr außergewöhnlich finde. Ich tendiere deshalb immer noch eher zu dem Ergebnis "Zufall".

    Ich glaube übrigens, dass die Air und das Adagio, welche du als Gegenbeispiele erwähnst, nicht so häufig als Grundlage verwendet wurden, gerade weil sie selbst schon erfolgreich waren. "A whiter shade of pale" und die Air sind sich so offensichtlich ähnlich, dass das kaum nochmal gewagt werden konnte. Außerdem haben alle drei Beispiele aus heutiger Sicht noch einen deutlichen "Klassik"-Touch in der Melodie- und Harmonieführung. Das unterscheidet diese Stücke stark von dem D-Kanon. Wer heute mit Kadenzen herumspielt landet doch recht schnell bei den D-Kanon Akkordfolgen. Transponiere das Ganze auf C-Dur und du brauchst kaum noch "schwarze Tasten", was ein wichtiges Kriterium für einfach zu spielende Musik ist, so blöd das klingt.

    Aber wie gesagt, was soll's. Solche Geheimnisse können gerne Geheimnisse bleiben. Genau so, wie es für mich wohl ein Geheimnis bleiben wird, warum sowohl eine Bohemian Rhapsody, wie auch ein Mull of Kintyre wochenlang auf Platz eins der Hitparaden landen können, obwohl beide Stücke stilistisch sehr wenig miteinander zu tun haben. Manchmal passt ein Stück einfach in eine Zeit. Oder es hat seine Zeit, wie auch immer. Musik mag vielen Regeln gehorchen, der Erfolg sicherlich auch - aber zum Glück nicht immer. ;-)

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  5. Also zunächst mal war das absolut nicht ironisch gemeint, man trifft selten auf Menschen mit einem so tiefen Musikverständnis, wie dich. So, ich hab deinen Rat mal befolgt und das Teil komplett auf den weissen Tasten gespielt, also C-G-Am-Em-F-C-F-G. Interessant. Klingt kagge. lol. Also nicht gerade schlecht, aber es fehlt irgendwie die Spannung, die Wärme. Womit wir jetzt (witzigerweise auch physikalisch) bei der Temperatur gelandet sind. Ich denke der gute Johann hat nämlich zunächst mal diese supersimple Akkordfolge geklimpert. C-G-Am ist ja mal sowas von stinknormal und schlüssig. Und nach Anton Werkmeisters brandeuer Temperatur klang es Mist. Also, mein Freund, dachte er sich, dann wollen wir doch mal..wie nennt das gleich Kollege Bach? Ach ja: modulieren..hehe. Also rauf damit um eine Stufe, aus C wird D aus G wird A usw... und haalooohoooo! Das klingt ja irre!

    Ich habs oben in meinem Musikzimmer gespielt, und Shara sass unten und versorgte ihre Katzen (die in SL) und ich rief nur runter: wie klang das? Da kam ein "hmm na jaa weiss nich, nich dolle" zurück. Dann wieder das Original und schon kam "schööön!"

    Damit ist das Mysterium nochmal um eine Komponente reicher: es muss also auch in unserer heutigen temperierten Welt gespielt werden und es MUSS auf D anfangen und nicht auf C oder irgendwas anderes. Ich vermute jetzt mal fast, dass viele Komponisten gar nicht mal unbedingt wussten, was sie da "nachahmten". Bezweifle zb, dass Lennon/McCartney in den frühen sechzigern schon Pachelbel kannten, als sie "In my life" schrieben. Sie sind wohl genauso drüber gestolpert, wie Johann. Damit ist einmal mehr bewiesen, dass Musik eine universelle Sprache sein kann.

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  6. Tolle Baßfolge.
    Dazu gibt´s auch ein Video auf youtube von uns ....
    https://www.youtube.com/watch?v=z2Bmo1csDhs

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    1. Danke für diesen Link, den ich auch gleich "genetworked" habe! Grandios! :-)

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